Zwei Late Bloomers erzählten, dass ihre Noch-Ehemänner schwer krank seien. Beide Frauen sind seit über 40 Jahren verheiratet und haben mehrere erwachsene Kinder die weit verteilt über Europa leben. Durch Therapie und eine Liebesbeziehung mit einer Frau sei es ihnen erst seit ein paar Jahren klar geworden, dass sie lesbisch orientiert sind. Es fällt ihnen schwer die Männer zu verlassen, oder sie alleine zu lassen, jetzt wo sie auf fremde Hilfe angewiesen sind. Schuldgefühle begleiten sie ständig - und doch auch ein Wunsch nach Freiraum - um ihre späten Erkenntnisse in Lebensrealität umzusetzen. Wie viel Egoismus dürfen sie entwickeln? Wie viel Nächstenliebe sollen sie praktizieren?
Aus meiner Sicht gibt es auf diese Fragen keine leichten Antworten. Kompromisse die für viele lesbische Frauen unerträglich wären, sind wahrscheinlich unvermeidlich. Ältere Late Bloomers haben eventuell ihre Bedürfnisse nicht in den Vordergrund gestellt, haben ihre Energien und Kräfte der Familie über Jahre zur Verfugung gestellt. Die Fragen, "was will ich" und "darf ich dem, was ich will, nachgehen" sind diesen Frauen eventuell fremd. Spät im Leben eigene Wünsche zu entdecken und mutig zu erfüllen, erfordert eine große Portion Entwicklung und Tatkraft.
Meine Gedanken zu möglichen Lösungsansätzen:
1) Sie haben ein Recht auf Freiräume - evtl. Ihre eigene Wohnung oder Tage/Nächte wenn Sie den Mann nicht versorgen.
2) Auch wenn Sie sich mit ihm sehr verbunden fühlen, weil Sie viele Jahre mit ihm verbracht haben und bei der Eheschließung versprochen haben "bis der Tod uns scheidet" für ihn da zu sein, haben Sie ein Recht auf Ihre eigene Entwicklung. Auch wenn die Erkenntnisse über Ihre Liebe zur Frauen vielleicht unerwartet kam und es Ihnen Schmerzen bereitet ihn zu verletzen, haben Sie ein Recht auf Ihre Wahrheit. Sie müssen nicht alles für ihn tun; es ist zulässig, fremde Hilfe für ihn zu organisieren (Pflegedienste, Hilfskräfte).
3) Vereinbaren sie Pflege- und Besuchszeiten mit Ihren Kindern. Ihre Kinder können Sie entlasten und Ihnen Zeit geben Ihren eigenen Bedürfnissen nachzugehen.
4) Geben Sie Acht, dass Ihre Schuldgefühle Sie nicht erpressbar macht. Es mag sein, dass er sagt, Sie seien die beste Begleiterin und beste Versorgerin, dass fremde Pflegekräfte Sie nicht ersetzen können. Auch wenn es eventuell hartherzig wirkt, Sie haben ein Recht, Grenzen zu setzen.
5) Sie haben auch ein Recht glücklich zu sein; die Symbiose mit einen Partner (oder einer Partnerin!) oder mit Kindern bedeutet, dass wir dazu neigen ihre Schicksal, ihr Leid, als unser Eigenes zu fühlen. Professionelle Hilfe durch eine Therapeutin könnte Ihnen helfen, Ihre Grenzen wieder zu spüren und einzuhalten.
6) Suchen Sie Kontakt mit Frauen die ihre Geschichte akzeptieren, die Sie unterstützen können, im Freundeskreis oder im Internet. Es kann sein, dass Sie sogar Verständnis in Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige finden könnten.
Falls Sie über dieses Thema anonym etwas schreiben möchten, schreiben Sie mich über die E-Mailadresse von der Late Bloomers Webseite. Ich kann Ihren Text dann hier einstellen.
4 Kommentare:
Ihr Bericht über die beiden Late Bloomers berührt mich sehr.
Auch ich bin seit 37 Jahren verh. und frauenliebend. Ich denke, dass es nicht nur Schuldgefühle sind,die diese Frauen spüren. Sondern auch Wertschätzung, Verantwortungsbewußtsein und Zuneigung, die in so vielen Jahren gewachsen ist. Dies ist eine andere Form von Liebe, die viele Frauen nicht nachempfinden können, weil sie es einfach nicht kennen. Ich bewundere Frauen,die dies alles noch spüren und für mich ist es eine Form von persönlicher innerer Stärke.
Natürlich müssen wir uns Freiräume schaffen. Mein Wunsch und Bestreben ist es,Beides zu verbinden: Familie und eine Beziehung zu einer Frau, die
in ähnlicher Situation lebt.
Viele Frauen, die verh. sind und Frauen lieben, wagen es nicht sich jemandem anzuvertrauen. Ihnen wird meistens vorgeschlagen, ihre Familie
zu verlassen. Und dies macht ihnen Angst. Zu Recht!!! Es gibt und muß andere Möglichkeiten geben. Zum Beispiel Kontakt zu Frauen, die ähnlich
leben.Dies stärkt ungemein.
Der Satz: In lesbische Kreisen sind solche Frauen nicht beliebt, der bringt mich auf die Palme. Diese Frauen sollten das Buch "Mrs. Medina" unbedingt
lesen, die diese Thematik beinhaltet. Mir gefällt besonders diese enorme Feinfühligkeit der Romanfigur.
Mittlerweile distanziere ich mich von dem Begriff"Lesbe".Ich zähle mich zu den frauenliebenden Frauen,die in einer nicht leichten Situation stecken.
Auch ich bin seit 37 Jahren verheiratet. Und ich liebe meinen Mann - wie frau einen Bruder liebt. Seit mehr als 20 Jahren schon leben wir zusammen wie Bruder und Schwester...und daran wird sich nichts ändern. Nach 5 Jahren zusammen mit der Frau, die ich noch immer liebe, bin ich zu ihm zurück, weil ich es nicht ertragen konnte, ihn so sehr leiden zu sehen. Ich wollte mir das Leben nehmen - und wurde leider "gerettet". Doof? Nur sehr wenige werden mich verstehen. Ich stehe zu meiner Entscheidung, denn es ist mir schlichtweg nicht möglich, einen Menschen, mit dem ich 37 Jahre Freud und Leid gemeinsam erlebt habe, einfach zu "entsorgen" - und anschließend zu vergessen. SIE ist verständlicherweise abgrundtief enttäuscht und lehnt jeden Kontakt mit mir ab. Mein Leben ist zerstärt, zumal ich 60+ Jahre alt bin und der Beziehungsstress auch einen Teil meiner körperlichen Gesundheit irreparabel ruiniert hat. Die Lesben, so wie sie sehr oft in Foren darstellen, lehne ich ab. Eine Identifikation überwiegend über die sexuelle Prägung ist mir - offen gesagt - zu primitiv. Ich bin und bleibe ein Mensch mit Emotionen und auch Verantwortungsbewusstsein.
Mir bleibt nur die Erinnerung an die ungeachtet aller Widrigkeiten schönste Zeit meines Lebens mit IHR.
Traurige Grüße
Ich bewundere die Stärke dieser Frau zu ihrem Mann zurückzukehren und das sie zu ihrer Entscheidung steht,auch wenn es für sie
sehr,sehr viel Leid bedeutet.Sehr schade ist,dass ihre Freundin jeglichen Kontakt zu ihr abgebrochen hat und das Beide keinen Weg
mehr zueinander finden.Das ist traurig.Meiner Meinung nach ist so eine Liebe nur möglich,wenn die Geliebte in ähnlicher Situation
lebt und auch diese Wertschätzung,Verantwortungsbewußtsein und diese andere Art von Zuneigung für den Ehemann kennt.
Mir ist total egal,wer oder wieviele mich mit meiner Auffassung bezügl. dieser Problematik verstehen.ICH BIN ICH.
Toll finde ich,dass diese Frau fünf Jahre mit IHR als die schönste Zeit ihres Lebens erfahren durfte.Dies ist schon ein enormer
Reichtum,den nicht jede frauenliebende Frau erleben kann.
Ich wünsche der anonymen Kommentatorin weiterhin ganz viel Kraft und Stärke,die sie auf jeden Fall schon hat.
Die Kommentare stimmen mich nachdenklich: warum würde ein Mann es akzeptieren, dass seine Frau traurig und gebrochen zu ihn zurück kehrt? Warum scheint es so schwierig für Männer, die Situation zu akzeptieren und daran zu wachsen? Nach 37 Ehejahren ist ein Mann sicherlich noch für andere Frauen attraktiv, und es gibt viele Frauen die einen Mann suchen. Es ist nicht gesagt, dass den Kontakt zwischen den früheren Ehepartnern komplett beendet werden müsste, aber in meinen Augen wäre es lebendiger, authentischer als die Kompromisse. Die Resignation in den Kommentare macht mich traurig.
(Eine der Frauen die anonym geschrieben hat, ist interessiert E-Mail Kontakt mit andere zu haben. Wenn Sie sich dies wünschen, können sie mir einen E-Mail senden. Ich werde es dann weiter leiten.)
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