Neuerlich habe ich einen Vortragsabend hier in Frankfurt besucht (ein Bericht über den Abend findet Ihr hier: http://www.l-talk.de/, siehe Beitrag vom 21. Juni 2009) - es ging, unter anderem, um der Frage des "Lesbische Identität" oder "Identitäten".
Eine der Teilnehmerinnen sagte, wo auch immer sie sei, sei sie in erster Linie eine Lesbe: lesbische Mutter, lesbische Tante, lesbische Mitarbeiterin, lesbische Nachbarin, usw. Für sie ist "lesbisch sein" der Kern ihre Identität und alles andere reiht sich herum. Es ist mein Eindruck, dass sie wünscht, dass mehr Lesben sich so sehen würden.
Die neue "poet laureat" (Staats- oder Hofdichterin) von England ist Carol Ann Duffy (sie ist die alle erste Frau zu diesen Posten ernannt wurde seit es existiert - 341 Jahre!) Es ist bekannt, dass sie (auch) lesbisch ist.
In der New York Times wird sie zitiert: "In an interview with the writer Jeanette Winterson several years ago, she said she had no interest in being known as a “lesbian poet, whatever that is.”
She added: “If I am a lesbian icon and a role model, that’s great, but if it’s a word that is used to reduce me, then you have to ask why someone would want to reduce me.” She said she preferred to define herself as “a poet and a mother — that’s all.”
In Deutsch: sie möchte nicht als "lesbische Dichterin, was auch immer dies sein mag" gesehen werden, schon gar nicht wenn dies als Reduzierung ihres Könnens oder ihr Selbst betrachtet wäre. Sie sagt, sie ist gerne bereit lesbische Ikonin oder Vorbild zu sein, definiert sich selbst lieber aber als "Dichter und Mutter." (In Englisch gibt kein Begriff für Dichterin.)
Ich kann ihre Haltung gut akzeptieren: sie verheimlicht ihre Liebe zu Frauen nicht, aber ihre Kernidentität ist "Dichter und Mutter."
Und ich? Ich bin Sprachlehrerin, Autorin, Coach, Aktivistin - nicht lesbische Lehrerin, lesbische Autorin usw. Meine Sprache verrät, dass ich "Ausländerin" bin, Amerikanerin. Bin ich deshalb eine ausländischer Lehrerin, oder amerikanischer Lehrerin, oder gar ein "Ami"? Nein, das bin ich nicht. Aber als eine Frau die in den Vereinigten Staaten geboren ist, die in Deutschland seit 1979 lebt, die verheiratet war, die Kinder hat, die seit Jahren in einer Frauenbeziehung lebt ist meine Identität in vielerlei Hinsichten vielfältig. Ich habe den Eindruck, dass manche Lesben mich als "nicht lesbisch genug" betrachten und sich fragen warum ich "Lesbe" nicht als meine Kernidentität sehe.
Ich sehe aber auch, dass manche meine KursteilnehmerInnen automatisch davon ausgehen, dass ich Hetera bin wenn ich z.B. von meine Kinder spreche. Um dieser "Selbtverständlichkeit" in Frage zu stellen, sage ich dann irgend etwas, um ein Hinweis auf meine Identität als Lesbe zu geben, je nach Kontext direkt oder indirekt.
Es ärgert mich, dass Lesben (und alle anderen die den Norm nicht entsprechen) als "abweichend" eingestuft werden. Ich wünschte, dass Vielfalt als Norm betrachtet werden könnte, und dass es nicht immer notwendig wäre, die Annahmen der Anderen zu korrigieren.
"Coming Out" ist ein Prozeß der scheinbar nicht abgeschlossen sein kann, solange Hetera-sein als Norm angenommen wird - und jede von uns der dieser Irrtum aufklärt, laut oder leise, erweitert den Raum in den wir alle leben.
1 Kommentar:
Ich finde dieses Thema auch sehr schwierig.
Ich gebe mich gerne unaufgefordert als LESBE zu erkennen, weil es mir im Laufe meines Lebens sehr an Identifikationsfiguren gefehlt hat. Heute möchte ich eine solche sein für andere Frauen. Ich sehe nicht anders aus als Tausende molliger Großmütter. Ich bin in vielen Teilen meiner Persönlichkeit ja auch nicht anders (Großmutter bin ich übrigens auch nicht). Aber dass ich lesbisch bin, sieht frau nicht auf den ersten Blick. Deshalb trage ich z.B. immer einen Regenbogen-Anstecker an der Jacke oder am Rucksack, wenigstens etwas.
Und wenn mir das Ehefrauengeschwätz zu sehr auf den Wecker geht, wenn die Möglichkeit von Homosexualität noch nicht mal am Horizont schimmert, dann muss ich manchmal reinhausen mit irgendeiner sehr eindeutigen Bemerkung.
Allerdings muss ich auch damit leben, dass manche Leute mich auf den Sex reduzieren und mir vorhalten, sie würden schließlich auch niemandem unaufgefordert mitteilen, mit wem sie schliefen.
Wie frau es macht, ist es wahrscheinlich verkehrt.
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