Als ich vor fast einem Jahr entschieden habe "Lesbischer Herbst," eine Tagung für ältere Lesben (49+), in Frankfurt zu organisieren, kommentierte eine lesbische Frau die ich kenne, sie wurde "sich wundern, dass ich mich für lesbische Frauen und Themen so engagieren würde." Sie, und einige andere Frauen, die schon immer als Lesben gelebt haben, hatten sich darüber unterhalten, und waren der Meinung, dass ich/ wir als "Late Bloomers" wahrscheinlich versuchten Verpasstes aufzuholen. Sie sagte, wir, die ehemals Heteras, wurden sie an Nicht-Mehr-Raucher erinnern - sie würden mit besonderen Vehemenz gegen das Rauchen auftreten - d.h. wir, die "neuen" Lesben, würden uns besonders für Lesbisches interessieren.
Und sie sagte, sie, die Frauen/Lesben die in den 70er Jahren engagiert waren, haben dies nicht mehr nötig: "das haben wir schon hinter uns."
Ihre Aussagen haben mich verletzt: Mein Engagement abzustempeln als übereifrige Kompensation für die "verlorenen" Hetera-Jahre hat mich auch geärgert.
Ich habe lange über ihr "Urteil" nachgedacht und jetzt, vier Wochen bevor Lesbischer Herbst zum 4. Mal stattfindet, kann ich feststellen - nein, es geht nicht primär um die Nachholung von Erfahrungen die ich als junge Frau versäumt habe. Es geht um etwas Neues.
Ich bin der Meinung, dass auch ältere lesbische Frauen Zeit und Raum brauchen, um zusammen zu kommen, um sich kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen, um für einander und für andere sichtbar zu sein. Es ist nicht etwas Aufgewärmtes das ich auftischen möchte, sondern ein Versuch etwas Neues entstehen zu lassen. Ich hoffe, dass die Vielfalt der Frauen die an der Tagung teilnehmen werden - von ca. 46 bis 75 Jahre, alleinlebend oder in Beziehungen, arbeitend, arbeitsslos oder in Ruhestand, mit und ohne Kinder und Enkelkinder, mit und ohne Hetera-Jahre, von Nord- bis Süddeutschland, von West bis Ost - für jede von uns eine Bereicherung sein wird. Ich hoffe, dass wir der Versuchung wiederstehen werden, Normen aufzustellen, um dann zu entscheiden wer "richtig" und wer "falsch" ist. Ich hoffe, dass unsere Vielfalt uns erfreuen und ermutigen wird. Die Arbeit der letzten Jahre in Frauen- /Lesbeninitiativen hat uns den Weg geebnet - dafür bin ich dankbar. Ich bin gespannt zu sehen, ob wir Ideen und Energie für neue Wege aufbringen werden.
3 Kommentare:
Hallo Yvonne,
diese Arroganz von Frauen, die immer lesbisch gelebt haben, und mit Unterstellungen "arumentieren", habe ich bisher nur in Foren erlebt.Im realen Leben durfte ich fruchtbringende Erfahrungen machen mit Frauen, die immer lesbisch gelebt haben: ich traf aufgeschlossene, lebenskluge Frauen, die mich einfach gefragt haben, was ich denn fühle und es war ein Austausch selbstbestimmter Frauen auf Augenhöhe.
Ich wünsche dir eine gute Zeit beim Lesbischen Herbst!
Herzliche Grüße
Iris-RLP
Hallo Yvonne,
ja, mir ging es schon mal so ähnlich wie Dir. Mir wurde vorgeworfen welches Recht ich hätte so frei über ein Lesbenleben zu denken und auch zu reden. Ich war da auch ziemlich sauer und meinte, natürlich haben wir vielleicht nicht mehr die Kämpfe in der Gesellschaft wie sie es vielleicht hatten,aber dafür haben wir Late Bloomers neue Probleme zu bewältigen. Es geht doch letztendlich darum, daß ich Frau, Frau liebe und es sich wunderbar anfühlt.Und es mir endlich zugestehen kann. Es ist jetzt einfach eine neue Zeit und wir können doch mit dem schon erreichten arbeiten.Dir liebe Yvonne alles Gute und bis bald.
Annerose
hallo, traue mich zu schreiben. bei kommentaren wie den eben bekomme ich magenschmerzen. das leben ist nun mal veraänderung, ich hätte auch nie daran geglaubt, mich mit 55 jahren noch einmal zu verlieben, in eine frau. wir haben es eh nicht leicht, sie als lesebe, ich als gedachte hetero. aber alles neue ist schön, da brauche ich keine blöden vorurteile, von welcher seite auch immer.es ist, wie es ist.
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